Les Perruquiers (La Boutique du Perruquier)

GluckWV 2.19

Allgemeines

Wotquenne-Nummer: deest

Werktyp: Ballett

Werkbezeichnung: Grand ballet (Pantomime)

Uraufführungsort: 3. Oktober 1759, Wien, Kärntnertortheater

Authentizität: zugeschrieben (Musik verschollen)

Personen

Genese

Entstehung:

Philipp Gumpenhuber verzeichnet am 3. Oktober 1759 in seinem Repertoire des Wiener Kärntnertortheaters1 "le Faux Soupçon [vermutlich Friedrich Wilhelm Weiskerns Burleske mit Musik Der falsche Verdacht von 1753] avec deux grands Ballets", bei denen es sich um Les Perruquiers und Le Marché aux poissons (vgl. den zugehörigen Eintrag) handelt. Während Gumpenhuber die Handlung des Balletts mit wenigen Worten beschreibt, schildert ein anonymer Rezensent im Journal étranger2 den Handlungsverlauf des Balletts, das hier als "La Boutique du perruquier" bezeichnet wird, detailliert: In einem Barbiergeschäft, in dem auch Perücken hergestellt werden, gehen junge Angestellte beider Geschlechter verschiedenen Arbeiten ihres Metiers nach. Die Kulisse zeigt eine Küche, in die sich alle zum Essen begeben, als eine Glocke erklingt. Da der Meister abwesend ist, gerät ein Streit der Angestellten außer Kontrolle und endet in einem allgemeinen Handgemenge, bei dem sämtliche Utensilien der Zunft – Perücken, Puder, Pomade etc. – zum Einsatz kommen. Der zurückgekehrte Meister treibt die männlichen Angestellten mit Fußtritten zur Tür hinaus. Als Kunden verkleidet kehrt einer nach dem anderen in das Geschäft zurück und verlangt vom Meister eine spezielle Behandlung. Als dieser überfordert seine Frau zu Hilfe ruft, lassen die Gehilfen ihre Masken fallen und bitten auf Knien um Verzeihung, die ihnen zum glücklichen Schluss gewährt wird. Wie der Rezensent bemerkt, handelt es sich bei diesem "komischen und naiven" Ballett ("un Tableau comique et très naïf") um eine außergewöhnlich lebhafte Darbietung, die darauf zurückzuführen sei, dass ausschließlich italienische Tänzerinnen und Tänzer darin auftraten. ("Vous imaginerez la vivacité de cette Pantomime quand vous sçaurez qu'il étoit composé de Danseurs Italiens.")
Als besonders gelungen wird die graziöse Darbietung der Tänzerin Bettina Bugiani und der virtuose, kraftvolle Tanz von Camilla Paganini hervorgehoben. Das Szenenbild des Balletts in der sogenannten Durazzo-Sammlung, einer Kollektion von Abbildungen aus Wiener Balletten, die der Theaterdirektor Giacomo Durazzo zur Dokumentation seiner Intendanz anlegen ließ, stellt detailliert die Szenerie und die Protagonisten dar: Das Bild zeigt eine große Kompagnie von über zwanzig Tänzerinnen und Tänzern, die Perücken herstellen und Kunden das Haar richten, den durch die maskierten Gehilfen überforderten Meister, seine Frau in der Küche sowie eine nicht erwähnte amouröse Nebenhandlung, die dem Ballett vermutlich zusätzlichen Charme verlieh. Während die Choreographie des Balletts dank der Aufzeichnungen Gumpenhubers eindeutig Bernardi zugeordnet werden kann, wurde die Musik Gluck aufgrund seiner Anstellung als "Compositore von der Music zu denen Balletten" an beiden Wiener Theatern in der Saison 1759/60 zugeschrieben.
Laut Gumpenhuber waren in der Saison 1759/60 am Kärntnertortheater folgende Tänzerinnen und Tänzer engagiert:
[Gennaro] Magri (detto Genariello) - [Camilla] Paganini (ainée)
[Giovanni] Guidetti - [Bettina] Buggiani
[Onorato] Viganò - [Josepha bzw. Giuseppa] Fusi
[Vincenzo] Turchi (ainé) - [Barbara] Scotti
[Giovanni Antonio Gastone] Boccherini - [Elena] Paganini (cadette)
[Joseph] Hornung - [Adriana] Giropoldi
[Cortolo] Constantini - [Giulia] Gavazzi
Michel [= Michael Pösinger] - [Eleonora] Leinhauss [Leinhaas]
[Ignaz] Seve
[Johann] Hopp

Werkgeschichte:

Obwohl Gumpenhuber in seinen kalendarischen Aufzeichnungen über das Kärntnertortheater im Jahr 1759 keine genauen Angaben über die Wiederholungen der Ballette macht, ist von weiteren Aufführungen auszugehen, genaue Daten sind jedoch nicht zu ermitteln.

Zeitgenössische Berichte:

1Philipp Gumpenhuber, Repertoire de Tous les Spectacles, qui ont été donné au Théatre de la Ville, recueilli par Monsieur Philippe Gumpenhuber, Eintrag vom 3. Oktober 1759 und S. 64f (US-CAt, MS Thr. 248.1).

2Lettre écrite de Vienne aux Auteurs du Journal Etranger. 19. April 1759, in: Journal étranger, Mai 1760, Lambert, Paris 1760, S. 86–111: 106ff.

Uraufführungsort:

Werkteile

Übernahmen

keine

Quellen

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Ikonographische Quelle

Das ganze Werk

Signatur: A-Smoroda, DdM f M

Fundort: A-Smoroda

Datierung: um 1759

Qualität: Originalgestalt

Beschreibung:

Szenenbild zum Ballett, unbekannter Künstler, vmtl. Pinselzeichnung, Original verschollen, Kopie in Derra de Moroda Dance Archives, Salzburg

Quellennachweise:

Abgedruckt in: Marian Hannah Winter, The Pre-romantic Ballet, London u.a. 1974, S. 105f.

Literatur

Aelbrouck, Jean-Philippe van: Bernardy, Charles-Alexandre Bernard, in: Dictionnaire des danseurs: chorégraphes et maîtres de danse à Bruxelles de 1600 à 1830, Liège 1994, S. 71–74.

Brown, Bruce Alan: Gluck als Hauskomponist für das französische Theater in Wien, in: Gluck in Wien. Kongreßbericht Wien 1987 (= Gluck-Studien 1), hrsg. von Gerhard Croll und Monika Woitas, Kassel usw. 1989, S. 89–99. ISBN/ISSN: 3761809298, 9783761809297

Brown, Bruce Alan: Gluck and the French Theatre in Vienna, Oxford 1991. ISBN/ISSN: 0193164159

Brown, Bruce Alan und Rushton, Julian: Gluck, Christoph Willibald, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Second Edition, Vol. 10 Glinka to Harp, hrsg. von Stanley Sadie und John Tyrrell, Oxford 2001, S. 24–58.

Brown, Bruce Alan: Magri in Vienna: The Apprenticeship of a Choreographer, in: The Grotesque Dancer on the Eighteenth-Century Stage. Gennaro Magri and his World, hrsg. von Rebecca Harris-Warrick und Bruce Alan Brown, Madison 2005, S. 62–90. ISBN/ISSN: 9780299203542

Winter, Marian Hannah: The Pre-romantic Ballet, London 1974. ISBN/ISSN: 9780871270504

Erstellt von: Vera Grund
Zitierhinweis: Christoph Willibald Gluck. Sämtliche Werke, GluckWV-online, URI: http://www.gluck-gesamtausgabe.de/id/2-19-00-0 (11.12.2018)

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