Publikation des Bandes „La Fausse Esclave“ (IV/2)

La Fausse Esclave (IV/2), herausgegeben von Elisabeth Schönfeld, Frankfurt am Main, Bärenreiter-Verlag, Kassel usw. 2018.

Der Beginn von Glucks Tätigkeit für den Wiener Hof wurde maßgeblich durch die politische Großwetterlage Europas beeinflusst. Nach dem Aachener Frieden und dem Ende des Österreichischen Erbfolgekriegs vollzog der kaiserliche Staatskanzler Wenzel Graf Kaunitz-Rietberg eine politische Wende und suchte verstärkt die Nähe zu Frankreich. Diese Neuorientierung in den Allianzen sollte auch auf kulturellem Gebiet zum Ausdruck kommen, weshalb 1752 der Genueser Diplomat Giacomo Graf Durazzo, eine ebenso frankophile Persönlichkeit wie Kaunitz selbst, von diesem zum Assistenten und designierten Nachfolger des kaiserlichen Theaterintendanten Franz Graf Esterházy ernannt wurde. Durazzo, der ab 1754 die Geschäfte der kaiserlichen Theater alleine übernahm, förderte nachhaltig die Wiener Pflege der Opéra-comique. Er engagierte ein französisches Ensemble, ließ sich aus Paris entsprechendes Repertoire kommen und betraute Christoph Willibald Gluck mit dessen Bearbeitung und Einrichtung für den Geschmack des Wiener Publikums. Der Komponist, der wahrscheinlich auch bei den meisten Aufführungen der von ihm bearbeiteten Stücke mitwirkte, konnte auf diese Weise die Opéra-comique in ihren Besonderheiten genau kennenlernen. 1758 legte er schließlich als seinen ersten eigenen Beitrag zu diesem Musiktheatergenre die Opéra-comique La Fausse Esclave vor. Das Stück fußt auf einer Bearbeitung der zweiaktigen Opéra-comique La Fausse Aventurière (Paris 1757), deren Text von Louis Anseaume (um 1720–1784) und Pierre-Augustin Lefèvre de Marcouville (1723–1790) stammt. Anseaume und de Marcouville griffen wiederum auf eine einaktige Komödie Le Consentement forcé (Paris 1738) von Michel Guyot de Merville (1696–1755) zurück, die sich offenbar großer Beliebtheit beim Pariser Publikum erfreute.
Mit der Arbeit an La Fausse Esclave dürfte Gluck im Spätsommer 1757 begonnen haben, um sie spätestens in der Zeit zwischen Mitte Oktober und Anfang Dezember abzuschließen. Die Uraufführung der Oper fand am 8. Januar 1758 auf der Bühne des Burgtheaters in Wien statt und erhielt offenbar besondere Aufmerksamkeit vom Hofe, da auch die kaiserlich-königlichen Majestäten zugegen waren. Ob die Aufführung in Verbindung mit einem besonderen höfischen Anlass stand, ist allerdings nicht bekannt. Der Uraufführung folgten am Burgtheater in Wien in der Spielzeit 1757/58 noch sechs weitere Vorstellungen. In der Spielzeit 1758/59, die am 27. März 1758 begann, wurde La Fausse Esclave zweimal geben. Gattungstypische Gepflogenheiten, wie etwa die Verwendung präexistenter, zur Zeit der Aufführung bekannter Melodien, stellt für eine heutige Neuausgabe eine Herausforderung dar. Da sie in den Quellenmaterialien in aller Regel nur durch Hinweise dokumentiert sind, mussten sie in akribischer Recherche neu ermittelt werden. Ebenso lässt die Überlieferung der Musik, die in Form von Particellen erfolgt ist, manche Fragen offen, etwa im Hinblick auf die Orchesterbesetzung. Gluck selbst hat zu dem Stück nachweislich 13 sogenannte Airs nouveaux und vielleicht auch eine (nicht überlieferte) Sinfonia komponiert. Die Entstehungsgeschichte des Werks, seine Quellenlage, Textkonstituierung und weitere Details der Neuausgabe werden im Vorwort und im Kritischen Bericht des Bandes erläutert.

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