Publikation des Bandes „Sinfonien / Einzelne Instrumentalstücke“ (V/2)

Sinfonien / Einzelne Instrumentalstücke (V/2), herausgegeben von Yuliya Shein, Mainz, Bärenreiter-Verlag, Kassel usw. 2018.

Christoph Willibald Gluck wirkte im Laufe seines künstlerischen Lebens fast ausschließlich im Bereich des Musiktheaters. Jedoch ist unter seinem Namen auch eine Reihe von Instrumentalwerken überliefert, die bisher eher als eine Randerscheinung aufgefasst wurden. Mit dem vorliegenden Band der GGA werden nun erstmals 17 Gluck zugeschriebene Sinfonien in einer historisch-kritischen Edition veröffentlicht. Zudem wird eine der bereits 1961 bei der GGA veröffentlichten Triosonaten in neuer Fassung herausgegeben.

Nach heutigem Kenntnisstand lassen sich für keine der unter Glucks Namen überlieferten Sinfonien verlässliche Aussagen zur Entstehungsgeschichte machen, da autographe Quellen ebenso fehlen wie direkte Hinweise auf die Genese oder Erstaufführung des jeweiligen Werks. Im Allgemeinen jedoch sind in der Biographie des Komponisten bestimmte Zeiten und Kontexte einzugrenzen, in denen die Entstehung der Sinfonien anzunehmen ist. Da der formale Aufbau und die musikalische Anlage der meisten erhaltenen Sinfonien eine große Affinität zu den konventionellen italienischen Opernouvertüren der 1740er- bis 1760er-Jahre zeigen, liegt die Vermutung nahe, dass einige von diesen Instrumentalstücken zu den fragmentarisch überlieferten frühen Opern Glucks gehören könnten. Zu den folgenden Bühnenwerken Glucks sind nach heutigem Kenntnisstand keine Ouvertüren überliefert: Artaserse (Mailand 1741), Demetrio (Venedig 1742), Demofoonte (Mailand 1743), Il Tigrane (Crema 1743), La Sofonisba (Mailand 1744) und L'Ippolito (Mailand 1745), La caduta dei giganti und Artamene (beide London 1746) sowie Issipile (Prag 1752). Allerdings ist eine genaue Zuordnung der überlieferten Sinfonien zu den oben genannten Opern Glucks aufgrund der genrespezifischen fehlenden musikalisch-thematischen Verbindung der instrumentalen Einleitung mit dem darauffolgenden Bühnenstück und der zeitgenössischen Praxis der Austauschbarkeit der Opernsinfonie nicht möglich. Ein weiteres Feld, auf dem Gluck sich bei der Komposition seiner Sinfonien betätigt haben könnte, sind private oder öffentliche Konzerte – die sogenannten Accademie –, an welchen er möglicherweise schon in der zweiten Hälfte der 1730er-Jahre während seiner Tätigkeiten bei den Privatkapellen des Hauses Lobkowitz in Wien und des Principe Antonio Maria Melzi in Mailand, und später, in der Zeit zwischen 1753 und 1764 zunächst bei der Musikkapelle des Prinzen Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen und dann am Wiener Burgtheater mitwirkte.

Die größte Herausforderung der vorliegenden Edition besteht in der Frage der Echtheit der hier behandelten Werke bzw. ihrer Autorenzuschreibung. Da von keiner der unter Glucks Namen überlieferten Sinfonien ein Autograph erhalten ist, liefern allein die originären oder von späterer Hand hinzugefügten Zuschreibungen in den Partitur- und Stimmenabschriften Hinweise auf seine Autorschaft; die Zuverlässigkeit der Autorenangaben ist für die Einzelwerke von der je eigenen Überlieferungssituation und von der konkreten Beschaffenheit der jeweiligen Abschrift abhängig. Als Informationsquelle für die Verifizierung der Autorschaft bei der Edition dienen zudem die Angaben in den zeitgenössischen, gedruckten und handschriftlichen thematischen Bestandskatalogen. Ferner sind es die eruierten Konkordanzen mit anderen Gluck’schen Werken, die die Wahrscheinlichkeit seiner Autorschaft für die Sinfonien erhöhen sowie die gesicherten Gluck’schen Instrumentalsätze, wie zum Beispiel seine Opern- und Balletteinleitungen, welche als Vergleichsfolie im Hinblick auf kompositionstechnische Merkmale dienen. Hinsichtlich der Echtheit der Werke wurde nach eingehender Analyse die alleinige Zuschreibung an Gluck als gültig angenommen (13 Sinfonien) und bei divergierenden Autorenangaben in einigen Fällen (vier Sinfonien) eine offene Autorschaft akzeptiert. Daraus resultierend haben in den vorliegenden Band alle Kompositionen Eingang gefunden, bei denen nach heutigem Kenntnisstand Glucks Autorschaft nicht widerlegt werden kann.
Für zwei Sinfonien, das Flötenkonzert und sechs, bereits 1961 in der GGA erschienene Triosonaten konnte die Zuschreibung an Gluck falsifiziert werden: Entsprechende Erläuterungen finden sich im Vorwort des Bandes. Dort wird auch Stellung zu den einzelnen Instrumentalstücken genommen, welche in verschiedenen Lexika als Werke Glucks verzeichnet sind. Neben der detaillierten Einleitung enthält der Band Faksimiles beispielhafter Auszüge aus den Quellen. Im Kritischen Bericht werden die Quellenlage, Bemerkungen zur Editionstechnik und zur Aufführungspraxis eingehend kommentiert.

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