Publikation des Bandes "Fragmentarisch überlieferte Opere serie" (III/2)
- 06.12.2025
Fragmentarisch überlieferte Opere serie: Demetrio (Venedig 1742), Poro (Turin 1744), La caduta dei giganti (London 1746), Artamene (London 1746) und Issipile (Prag 1752) (III/2), herausgegeben von Tanja Gölz, Mainz, Bärenreiter-Verlag, Kassel usw. 2025.
In seiner kompositorischen Anfangszeit schuf Gluck von 1741 bis 1752 als ‚Compositore scritturato‘ für den saisonalen Opernbetrieb in Italien und London sowie als Mitglied der Wandertruppen Pietro Mingottis und Giovanni Battista Locatellis 16 Opere serie und Opernserenaden vornehmlich nach Texten Pietro Metastasios. Lediglich sechs dieser frühen Opern sind vollständig durch zeitgenössische Partiturabschriften überliefert, während von den übrigen zehn weniger als die Hälfte des ursprünglichen Materials erhalten ist. An den ersten Teilband dieser fragmentarisch überlieferten Opere serie, dessen Schwerpunkt auf den für das Mailänder Teatro Regio Ducale komponierten Opern Glucks liegt, schließt sich im nun vorliegenden zweiten Band die kritische Edition tradierter Einzelnummern der für ganz unterschiedliche Produktionsstätten geschaffenen Werke an: Die für die Himmelfahrtssaison 1742 in Venedig komponierte Oper Demetrio, Glucks Vertonung des Alexander-Stoffes unter dem Titel Poro für die Karnevalssaison 1744/45 des Teatro Regio in Turin, seine beiden für das Londoner King’s Theatre 1746 von ihm aus seinen Vorgängeropern zusammengestellten Pasticci La caduta dei giganti und Artamene sowie Glucks Neuproduktion Issipile, die er 1752 als Kapellmeister von Locatellis Operntruppe im Prager Theater an der Kotzen zur Uraufführung brachte. 37 Stücke haben sich aus diesen Opern erhalten, von denen 20 Vokalnummern mit diesem Band erstmals im Druck erscheinen.
Dabei sorgte die heterogene Quellenlage der überlieferten Einzelstücke für editorische Herausforderung: Während die sieben zu Demetrio nachweisbaren Arien ausschließlich durch Partiturkopien überliefert sind, wurden von den Londoner Opern flankierend zur ersten Aufführungsserie 1746 Auswahldrucke der jeweils sechs Favourite Songs veröffentlicht, von deren teilautographer Vorlage sich Fragmente erhalten haben. Demgegenüber liegt die Arie „Parto, se vuoi così“ aus Issipile vollständig in Glucks eigenhändiger Niederschrift vor, die vermutlich das früheste seiner wenigen erhaltenen Autographe darstellt. Die Ouvertüre zu Poro ist durch zeitgenössisches Stimmenmaterial tradiert und die Partiturabschriften einzelner Vokalstücke wurden kurz vor Fertigstellung des Bandes durch einen Neufund von acht verschollen geglaubten Arien bereichert. Dank dieser neu entdeckten Particelle, die offensichtlich zur Einstudierung der Sängerpartien und damit im unmittelbaren Uraufführungskontext angefertigt wurden, erhöht sich der Anteil des tradierten Notentextes dieser Oper auf insgesamt 14 geschlossene Nummern und somit auf fast die Hälfte des ursprünglichen Werks. Von der Partie des Alessandro sind dadurch drei Arien überliefert, die Gluck für den Tenor Domenico Bonifacci schuf. Bei den übrigen Werken haben sich neben einzelnen Arien der Sekondarierpartien insbesondere die Vokalstücke der Primi uomini erhalten und damit zu Demetrio alle Solonummern des Soprankastraten Felice Salimbeni sowie zu Artamene Neukompositionen Glucks für Angelo Maria Monticelli, darunter die bis ins 19. Jahrhundert überaus beliebte Arie „Rasserena il mesto ciglio“.
Die erhaltenen Uraufführungslibretti ermöglichen eine annähernde Rekonstruktion der jeweiligen Werkgestalt und somit die korrekte Anordnung der Nummern. Gemeinsam mit den musikalischen Hauptquellen bilden sie die Grundlage für die Edition der Textunterlegung und werden in dem Band gemäß den Richtlinien der Gluck-Gesamtausgabe vollständig faksimiliert. Der üblichen Gestaltung entsprechend finden sich in der Ausgabe neben dem Notentext ein ausführliches Vorwort, Bildbeigaben und Kritischer Bericht.