Publikation des Bandes „Fragmentarisch überlieferte Opere serie“ (III/1)

Fragmentarisch überlieferte Opere serie: Artaserse (Mailand 1741), Il Tigrane (Crema 1743), La Sofonisba  (Mailand 1744) und L’Ippolito (Mailand 1745) (III/1), herausgegeben von Tanja Gölz, Mainz, Bärenreiter-Verlag, Kassel usw. 2017.

Von den meisten Opern aus Glucks kompositorischer Anfangszeit der frühen 1740er-Jahre haben sich keine vollständigen Partituren, sondern nur Abschriften einzelner Nummern erhalten. Der vorgelegte erste Teilband dieser fragmentarisch überlieferten Opere serie umfasst die Edition von 35 Vokalstücken und einem Accompagnato-Rezitativ der zwischen 1741 und 1745 für das Mailänder Teatro Regio Ducale komponierten Karnevalsopern Artaserse, La Sofonisba und L’Ippolito sowie der am 26. September 1743 im benachbarten Crema uraufgeführten Oper Il Tigrane. Der Anteil des erhaltenen Notentextes dieser auf Dichtungen Pietro Metastasios, Francesco Silvanis, Carlo Goldonis und Giuseppe Gorini Corios basierenden Drammi per musica ist unterschiedlich groß und reicht von nur zwei Arien zu Glucks Erstlingswerk Artaserse bis zu knapp der Hälfte bzw. einem Drittel des Umfangs der übrigen Werke. Darüber hinaus werden im Anhang des Bandes drei der unter Glucks Namen überlieferten Abschriften einzelner Arien der Pasticci Arsace (Mailand 1743) und La finta schiava (Venedig 1744) wiedergegeben, für die Glucks Autorschaft plausibel erscheint und die als Entlehnungen aus früheren Werken nicht bereits im Kontext der Ursprungsoper ediert wurden. 34 der insgesamt 38 Vokalnummern erscheinen mit diesem Band erstmalig im Druck.

Neben einzelnen Arien der Sekondarierpartien haben sich insbesondere die Vokalstücke der Primi uomini erhalten und damit zu La Sofonisba und L’Ippolito alle Solonummern der Kastraten Giovanni Carestini und Angelo Maria Monticelli sowie drei Arien und ein Duett der vom Soprankastraten Felice Salimbeni verkörperten Titelrolle von Il Tigrane, was angesichts des Renommees und der damit einhergehenden großen Verbreitung der für diese Virtuosen komponierten Gesangsstücke nicht verwundert. Auch von den Partien der berühmten Sopranistin Caterina Aschieri, die an sämtlichen der genannten Opern als Prima donna beteiligt war, sind insgesamt acht Solonummern und zwei Duette überliefert und vermitteln, von koloraturreichen Bravourstücken über lyrisch-empfindsamen Arien bis zu expressiven Ombra-Szenen reichend, das Spektrum ihres Könnens. Diese querschnittartige Überlieferungssituation lässt zudem erkennen, dass Gluck gattungskonform die in der Opera seria geforderten unterschiedlichen Arientypen bediente und auch mit deren Anordnung in der Gesamtanlage standardisierten Prinzipien folgte, ohne den dramatischen Ausdruck zu vernachlässigen. Die Instrumentation beschränkt sich bei der Mehrzahl der Vokalstücke auf Streicher, die in nur wenigen Nummern durch zwei Oboen, Hörner und Trompeten sowie in einem Fall durch Solo-Oboe und Solo-Fagott ergänzt werden.

Da Glucks Autographe ebenso wie die Aufführungsmaterialien der genannten Werke als verschollen gelten müssen, stützt sich die Edition primär auf eine in der Pariser Bibliothèque nationale de France aufbewahrte Sammelhandschrift, die in Einzelfaszikeln 32 der Vokalnummern und das Accompagnato-Rezitativ überliefert, sowie auf eine in der Jean Gray Hargrove Music Library der University of California, Berkeley, befindliche Ariensammlung mit vier Abschriften zu La Sofonisba. Daneben haben sich von fünf Vokalnummern weitere Partiturkopien des 18. Jahrhunderts erhalten, die entweder als zusätzliche Primärquellen herangezogen wurden oder aber in Abgrenzung von den eindeutig dem Uraufführungskontext zuzuordnenden Abschriften als Sekundärquellen nur nachgeordnete Berücksichtigung fanden. Drei Arien sind lediglich in Form einer Canto-e-Basso-Stimme überliefert, davon zwei auszugsweise als Bestandteil zeitgenössischer Kupferstiche, die zu Ehren Caterina Aschieris anlässlich ihrer Mitwirkung an L’Ippolito angefertigt wurden.

Die erhaltenen Uraufführungslibretti ermöglichen eine annähernde Rekonstruktion der jeweiligen Werkgestalt und somit die korrekte Anordnung der Nummern. Gemeinsam mit den musikalischen Hauptquellen bilden sie die Grundlage für die Edition der Textunterlegung und werden in dem Band gemäß den Richtlinien der Gluck-Gesamtausgabe vollständig faksimiliert. Der üblichen Gestaltung entsprechend finden sich in der Ausgabe neben dem Notentext ein ausführliches Vorwort, Bildbeigaben und Kritischer Bericht.

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